[GER] Taxi 

Sie sah angestrengt aus dem Fenster, doch sah sie bloß in ihre eigenen Augen. Die dunklen Scheiben des Fahrzeugs ließen sie nicht nach draußen gucken, sie warfen bloß ihr eigenes Spiegelbild zurück. Langsam schaukelte das Taxi sie durch Regen. Sie hörte die schweren Tropfen auf das Dach fallen, welches sie vor der kalten Außenwelt schützte. Das Gesicht des Fahrers konnte sie bloß durch den Rückspiegel sehen, er sah sie nicht an. Sie fühlte sich so, als ob der Beginn der Fahrt bereits eine Ewigkeit zurück lag. 
Dabei war es noch gar nicht so lange her, dass sie am Bahnhof angekommen war. Sie hatte in der Menschenmenge gestanden und hatte nicht gewusst für welchen Weg sie sich entscheiden musste. Sie war orientierungslos, doch traute sich nicht, andere um Hilfe zu fragen. Wenigstens war der Bahnhof ein wenig ausgeschildert. Sie hatte sich für ein Taxi entschieden. Im Bus wäre sie bloß wieder zwischen vielen Menschen untergegangen. Bewusst hatte sie dieses Taxi gewählt. Der Fahrer hatte freundlich ausgesehen, er hatte sie angelächelt. Er hatte förmlich gestrahlt. Und binnen weniger Sekunden hatte seine Aura sie in ihren Bann gezogen. Sie musste nicht lange nachdenken, sondern es war, als ob ihr Herz zu ihr sprach. Sie wollte gerne ein wenig Zeit mit ihm verbringen. Mit Taxifahrern konnte man schließlich immer die besten Gespräche führen.

Doch es kam anders, als sie es erwartet hatte. Kaum saß sie im Taxi, spürte sie, wie das Strahlen den jungen Mann verließ. Er tippte mit geübten Fingern den Namen der Zieladresse ein und wendete das Taxi routiniert in die richtige Richtung. Vielleicht hatte er gestrahlt, weil er gerade nicht hatte fahren müssen. Vielleicht hatte sie ihn gestört. Er wirkte sehr erfahren und sie erkannte, dass sie nichts besonderes war. Der Fahrer fuhr anscheinend schon lange. Hätte sie doch die Bahn genommen. Der Fahrer war sehr abgewandt und warf nicht mit Worten um sich. Er schwieg. Während der Schein der Vorderlichter auf die Straße fiel und die Scheibenwischer rhythmisch quietschten fragte sie sich, ob es draußen wirklich so viel kälter war, als im Taxi.

Aussteigen war jedoch keine Option. Trotz der gedrückten Atmosphäre gab das Fahrzeug ihr immer noch Schutz. Sie redete sich ein, sie sei hier weit besser aufgehoben, als dort draußen. Immerhin könnte sie sich ja eine Erkältung holen. Außerdem hatte sie keinen Regenschirm dabei. Der Regen nahm ihr nun auch die letzte Sicht. Draußen schien alles in einem grauen Schleier zu versinken. Er verschluckte die Menschen auf den Bürgersteigen und das Leben auf den Straßen. Als der Fahrer einen kleinen Schalter betätigte, um das Taxi von innen zu beleuchten, da fühlte sie sich wie auf einer Insel. Eine kleine Insel auf einem großen Ozean. Weit und breit schien die beiden nichts zu umgeben. Bloß schien sie die einzige von beiden zu sein, der das nichts ausmachte.


SE
 

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